Digitale Bildung in Thüringen: Zwischen Infrastruktur-Herausforderungen und pädagogischer Innovation
Die digitale Transformation des Bildungssystems ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. In einem spannenden Gespräch zwischen Karl Riethmüller von der B&DT GmbH und Sara von der Digitalmacherei wurden die verschiedenen Facetten dieser Entwicklung beleuchtet. Beide Experten bringen dabei unterschiedliche, aber komplementäre Perspektiven ein: Während Karl sich mit seinem Unternehmen auf die technische Infrastruktur und Ausstattung von Schulen konzentriert, widmet sich Sara mit der Digitalmacherei der praktischen Anwendung und Vermittlung digitaler Kompetenzen.
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Die aktuelle Situation: Infrastruktur und Förderprogramme
Der DigitalPakt 1 hat in den vergangenen Jahren wichtige Grundlagen für die digitale Ausstattung von Schulen geschaffen. Karl erklärt dazu: "Der große Wurf war dann wirklich 2019 mit dem Digitalpakt 1. Der hat, muss man wirklich sagen, erst mal eine Grundlage erstmalig geschaffen, dass strukturell großflächig Technik an die Schulen kommt." Die Umsetzung erfolgte dabei in Thüringen in drei Stufen, beginnend mit der grundlegenden Infrastruktur wie Netzwerkverkabelung und Servern, bevor digitale Endgeräte beschafft werden konnten.
Allerdings zeigen sich in der praktischen Umsetzung erhebliche Herausforderungen. Ein besonders kritischer Punkt ist der Personalmangel in den IT-Abteilungen der Schulverwaltungen. Karl beschreibt die Situation plastisch: "Stellt euch einfach vor, wir haben einen Flächenkreis mit 33 Schulen und es sind aktuell zwei IT-Verantwortliche da, die sich um sämtliche Infrastruktur kümmern." Dies führt zu einer Art "Triage-System", bei dem nur die dringendsten Probleme bearbeitet werden können.
Die Rolle der freien und staatlichen Schulträger
Ein interessanter Aspekt ist der Unterschied zwischen freien und staatlichen Schulträgern in der Umsetzung digitaler Projekte. Die freien Schulträger können durch flachere Hierarchien und schnellere Entscheidungswege oft agiler agieren. Bei staatlichen Trägern gestaltet sich der Prozess häufig komplexer, was nicht zuletzt am Fachkräftemangel in den Verwaltungen liegt.
Praktische Umsetzung und pädagogische Konzepte
Die Digitalmacherei zeigt, wie moderne digitale Bildung in der Praxis aussehen kann. Sara beschreibt ihre Arbeit: "Ich mache das immer so, dass ich auch mitgebe, wie sie das dann später zu Hause auch weiter nutzen können, weil alles, was ich nutze, ist frei verfügbar." Dieser niedrigschwellige Ansatz ermöglicht es, digitale Bildung nachhaltig zu verankern.
Besonders erfolgreich ist dabei das Konzept der "digitalen Scouts", das an der KGS Erfurt umgesetzt wird. Hier werden Schülerinnen und Schüler befähigt, anderen bei der Nutzung digitaler Geräte zu helfen und auch Themen wie Cybermobbing oder Gamingsucht zu adressieren.
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Die Bedeutung von KI im Bildungskontext
Ein besonders aktuelles Thema ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Bildungsbereich. Sara betont dabei die Chancen: "Ich bin überzeugt: Wenn wir Kindern beibringen, was KI ist und was sie leisten kann, werden sie diese auch gewinnbringend nutzen können."
Auch Karl sieht in der KI-Nutzung große Potenziale, wie er an einem persönlichen Beispiel illustriert: "Ich hatte gestern eine Delegation aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland [...] Ich habe ChatGPT gesagt, gib mir bitte die zehn wichtigsten Fakten aus der Erfurter Geschichte. Dann sind wir durch die Altstadt getingelt. Ich habe da brilliert mit Facts."
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Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Eine der größten Herausforderungen bleibt die nachhaltige Finanzierung. Karl bringt es auf den Punkt: "Warum braucht eine Schule nicht dauerhaft ein Budget für Digitalisierung? Und das ist eine Sache, die mich absolut ärgert, warum Digitalisierung nicht als dauer- und grundlegende Aufgabe verstanden wird."
Für die Zukunft haben beide Gesprächspartner klare Visionen. Sara strebt mit der Digitalmacherei ein "breitenwirksames, ganz regelmäßiges Angebot" an, das niedrigschwellig verfügbar sein soll. Karl fokussiert sich auf organisches Wachstum und die Verbesserung der Service-, Rollout- und Schulungsqualität.
Unternehmerische Verantwortung und soziales Engagement
Das Gespräch mit Karl und Sara zeigt eindrücklich, wie modernes Unternehmertum soziale Verantwortung und wirtschaftlichen Erfolg verbinden kann. Während die B&DT GmbH sich von einem klassischen Bürofachhändler zu einem innovativen Bildungsdienstleister entwickelt hat, verkörpert die Digitalmacherei einen moderneren, impact-orientierten Gründungsansatz.
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Karls Weg zum Unternehmer ist dabei besonders interessant: Nach einer Karriere als Leistungssportler stieg er 2006 zunächst als Jungverkäufer in das Unternehmen ein. Seine Vorgänger erkannten früh sein Potenzial und banden ihn durch eine Unternehmensbeteiligung. "Das war natürlich damals ein kluges Manöver, mich zu halten, weil ich sage mal, gerade in der Technik-IT-Branche, da gibt es viele Reize, auch von außen", erklärt Karl.
Beide Unternehmer verbindet dabei ein klarer Fokus auf gesellschaftliche Wirkung. Die B&DT GmbH engagiert sich neben ihrem Kerngeschäft stark im Sportbereich, unterstützt das Top Team Thüringen und finanziert Trainingslager und Wohnungen für Athleten. "Wir haben eben ganz viele Parallelen auch zur digitalen Bildung, weil wir sagen mal, unsere Motivation ist einfach die gute Ausbildung, geistige Ausbildung von jungen Menschen", beschreibt Karl die Verbindung zwischen unternehmerischem und sozialem Engagement.
Die Digitalmacherei wiederum verfolgt einen hybriden Finanzierungsansatz, der verschiedene Einnahmequellen kombiniert. "Wir sind hybrid finanziert sozusagen. Ich stelle viele Förderanträge. Ich habe zum Glück Unternehmen und Menschen, die spenden, sodass wir auch Stipendien vergeben können für Kids oder Eltern, die sich so einen Kurs nicht unbedingt leisten können", erklärt Sara. Dieser Ansatz ermöglicht es, digitale Bildung auch denjenigen zugänglich zu machen, die sich kostenpflichtige Angebote nicht leisten können.
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Beide Unternehmen stehen dabei vor der Herausforderung, nachhaltige Geschäftsmodelle in einem stark von öffentlicher Förderung abhängigen Markt zu entwickeln. Die B&DT GmbH reagiert darauf mit einer Diversifizierungsstrategie: "Es ist natürlich ungesund, so stark jetzt nur auf diesen Education-Bildungsbereich zu setzen", erklärt Karl und verweist auf Pläne, in den Smart City Bereich zu expandieren.
Diese unternehmerischen Ansätze zeigen exemplarisch, wie moderne Unternehmen in Ostdeutschland agieren: mit starker regionaler Verwurzelung, klarem Fokus auf gesellschaftliche Wirkung und der Fähigkeit, sich an verändernde Marktbedingungen anzupassen. Sie verkörpern damit ein Unternehmertum, das über reine Gewinnmaximierung hinausgeht und aktiv zur Entwicklung der Region beiträgt.
Integration von Sport und digitaler Bildung
Ein besonders interessanter Aspekt ist die Verbindung von digitaler Bildung und Sport, die Karl als Vizepräsident des Thüringer Leichtathletikverbandes verkörpert. Er sieht hier wichtige Synergien: "Unsere Motivation ist einfach die gute Ausbildung, geistige Ausbildung von jungen Menschen und das finde ich ist auch eine super Brücke zwischen Sport und dem was wir unternehmerisch tun."
Fazit und Ausblick
Die digitale Transformation des Bildungswesens in Thüringen zeigt sich als vielschichtiger Prozess, der sowohl technische als auch pädagogische Herausforderungen umfasst. Während die grundlegende Infrastruktur durch den DigitalPakt 1 gestärkt wurde, bleiben Fragen der nachhaltigen Finanzierung und des IT-Supports weiterhin kritisch.
Positive Beispiele wie die KGS Erfurt zeigen jedoch, dass innovative Konzepte erfolgreich umgesetzt werden können. Die Integration von KI bietet dabei neue Chancen, die bei entsprechender pädagogischer Begleitung gewinnbringend genutzt werden können.
Für die Zukunft wird es entscheidend sein, von projektbasierter Förderung zu nachhaltigen Finanzierungsmodellen zu kommen und die digitale Bildung als permanente Aufgabe zu verstehen. Dabei sollten sowohl die technische Infrastruktur als auch die pädagogische Nutzung kontinuierlich weiterentwickelt werden.
Die Kombination aus technischer Expertise, wie sie die B&DT GmbH einbringt, und pädagogischen Konzepten, wie sie die Digitalmacherei entwickelt, zeigt einen vielversprechenden Weg für die digitale Bildung in Thüringen. Es gilt nun, diese Ansätze weiter zu stärken und flächendeckend zu implementieren.
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