Die Transformation der regionalen Medienlandschaft: Ein Gespräch mit Michael Tallai von der FUNKE Mediengruppe Thüringen
Die Digitalisierung verändert die Medienbranche grundlegend. Während viele traditionelle Geschäftsmodelle unter Druck geraten, müssen Verlage neue Wege finden, um auch in Zukunft qualitativ hochwertigen Journalismus anzubieten. Michael Tallai, Geschäftsführer der FUNKE Mediengruppe Thüringen, gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die Herausforderungen und Chancen dieser Transformation.
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Von der Tradition in die digitale Zukunft
"Bis zum Jahre 2030 wollen wir den gesamten Verlag aus digitalen Erlösen finanzieren", erklärt Tallai die ambitionierte Vision des Unternehmens. Eine bemerkenswerte Aussage für einen Verlag, der seit Jahrzehnten vor allem für seine gedruckten Tageszeitungen bekannt ist. Doch der Wandel ist unausweichlich: In manchen ländlichen Regionen übersteigen bereits heute die reinen Zustellkosten den Abopreis der Zeitung.
Die Transformation betrifft dabei nicht nur das Geschäftsmodell, sondern vor allem auch die tägliche Arbeit der Journalistinnen und Journalisten. "Der Journalist hat früher bei der Tageszeitung gewusst, 18 Uhr ist Redaktionsschluss", erinnert sich Tallai. Heute müssen Redakteure verschiedene Kanäle gleichzeitig bespielen - von der klassischen Printausgabe über die Website bis hin zu Social Media Formaten wie Instagram Reels.
Regionale Verwurzelung als Stärke
Trotz aller Veränderungen bleibt die lokale Berichterstattung das Herzstück des Verlags. "Wir sind die Einzigen, die aus der Fläche berichten. Das kann der MDR nicht so tief gehen wie wir", betont Tallai. Diese tiefe regionale Verwurzelung ist gleichzeitig Herausforderung und Chance. Während die flächendeckende Zustellung der gedruckten Zeitung zunehmend unwirtschaftlich wird, ermöglicht die digitale Transformation neue Formen der lokalen Berichterstattung.
Innovation als Überlebensstrategie
Die FUNKE Mediengruppe Thüringen versteht sich heute als hybrides Unternehmen: "Wir sind in vielerlei Hinsicht ein Start-up. Wir müssen ein sehr traditionelles Geschäft transformieren", erklärt Tallai. Diese Transformation geht weit über den klassischen Journalismus hinaus. Der Verlag entwickelt sich zunehmend zu einer Full-Service-Agentur für seine Werbekunden und experimentiert mit neuen Geschäftsfeldern wie dem erfolgreichen Wanderprojekt "Thuringen".
Dabei gilt das Start-up-Prinzip: "Von zehn Projekten funktionieren acht nicht und die zwei, die funktionieren, die machen wir weiter." Ein mutiger Ansatz für ein traditionsreiches Medienhaus, aber einer, der nach Tallais Überzeugung alternativlos ist.
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Die Zukunft der regionalen Medien
Der Weg in die digitale Zukunft ist dabei klar vorgezeichnet: Bis 2030 soll der Verlag vollständig aus digitalen Erlösen finanziert werden können. Das bedeutet nicht das Ende der gedruckten Zeitung, aber eine deutliche Fokussierung auf digitale Angebote. Diese reichen von E-Paper und Paid Content bis hin zu Digital Marketing Services für Werbekunden.
Besonders spannend ist dabei die Entwicklung neuer Zielgruppen. "Wenn ich sage, wir müssen jüngere Leser erreichen, dann meine ich gar nicht den 20-Jährigen", erklärt Tallai. "Mir würde ja schon reichen, wenn ich einen 40-Jährigen, wenn ich mehr davon kriege oder auch 50-Jährige." Eine realistische Einschätzung, die zeigt, dass die Transformation mit Augenmaß angegangen wird.
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Herausforderungen und Chancen
Die größte Herausforderung liegt dabei in der Balance zwischen Innovation und Tradition. Während neue digitale Angebote entwickelt werden, muss gleichzeitig das bestehende Print-Geschäft profitabel gehalten werden. "Ich kann im Moment nicht sagen, mir sind die Printleser egal, weil im Moment finanzieren sie noch den Verlag", stellt Tallai klar.
Gleichzeitig eröffnen sich neue Chancen durch die Digitalisierung. Die FUNKE Mediengruppe Thüringen kann heute ihren Werbekunden ein breites Portfolio an Dienstleistungen anbieten - von klassischen Printanzeigen über Social Media Marketing bis hin zu addressable TV. Diese Diversifizierung macht den Verlag weniger abhängig vom klassischen Anzeigengeschäft.
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Ein Blick in die Zukunft
Die Vision für 2030 ist ambitioniert, aber klar: Ein wirtschaftlich gesunder Verlag, der durch digitale Erlöse finanziert wird und gleichzeitig seiner journalistischen Verantwortung für die Region gerecht wird. Der Weg dorthin wird nicht einfach sein und erfordert kontinuierliche Innovation und Anpassung.
Dabei steht außer Frage, dass die regionale Berichterstattung auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen wird. "Wenn wir das nicht mehr sind [vor Ort präsent], ist da gar keiner. Aber es muss sich rechnen", fasst Tallai die Herausforderung zusammen. Eine Herausforderung, der sich die FUNKE Mediengruppe Thüringen mit einer Mischung aus unternehmerischem Mut und journalistischer Verantwortung stellt.
Die Transformation der FUNKE Mediengruppe Thüringen steht beispielhaft für den Wandel der regionalen Medienlandschaft in Deutschland. Sie zeigt, dass traditionelle Medienhäuser durchaus eine Zukunft haben können - wenn sie bereit sind, sich grundlegend zu wandeln und neue Wege zu gehen. Der Erfolg wird dabei nicht nur von der technologischen Transformation abhängen, sondern vor allem auch von der Fähigkeit, die journalistische Qualität und regionale Verwurzelung in die digitale Ära zu übertragen.
Dabei wird deutlich: Die Zukunft der regionalen Medien liegt nicht im Entweder-oder zwischen digital und analog, sondern in der klugen Kombination beider Welten. Eine Herausforderung, der sich die FUNKE Mediengruppe Thüringen unter der Führung von Michael Tallai mit Optimismus und strategischem Weitblick stellt.