Martin Kranz: Wie ein Kulturmanager die Sendehalle Weimar zu neuem Leben erweckt
In einer Zeit, in der viele historische Gebäude dem Verfall preisgegeben werden, wagt Martin Kranz in Weimar einen mutigen Schritt: Der Kulturmanager hat die seit 25 Jahren leerstehende Sendehalle erworben und plant, sie zu einem lebendigen Ort der Begegnung und des kulturellen Austauschs zu verwandeln. Im Gespräch mit dem EASTSIDE HEROES Podcast gewährt er Einblicke in seine Vision und seinen unternehmerischen Ansatz.
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Von der Vision zur Realität
"Ich kenne gar keine Angst vor Herausforderungen", sagt Kranz selbstbewusst. Diese Einstellung brauchte er auch, denn das Projekt ist gewaltig: Mindestens 12 Millionen Euro werden für Erwerb und Sanierung benötigt. Doch statt sich von der Größenordnung abschrecken zu lassen, entwickelte Kranz eine klare Strategie: Die Gründung einer gemeinnützigen privaten Stiftung, die das Projekt trägt und rechtlich absichert.
Innerhalb von nur drei Jahren gelang es ihm, über 11 Millionen Euro zu akquirieren - eine beeindruckende Leistung, die sowohl auf öffentlicher Förderung als auch auf privatem Engagement basiert. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages steuerte 5,2 Millionen Euro bei, den Rest brachten private Stifter und Spender auf. Besonders bemerkenswert: Eine Münchner Stifterin war von dem Konzept so überzeugt, dass sie ihre komplette Stiftung mit knapp 4 Millionen Euro in das Projekt einbrachte.
Geschichte bewahren und neu interpretieren
Die Sendehalle ist nicht irgendein Gebäude. Ursprünglich in der NS-Zeit als "Valhalla" geplant, wurde sie später zum DDR-Funkhaus umgebaut und diente nach der Wende zeitweise als MDR-Landesfunkhaus. Diese wechselvolle Geschichte macht den Ort für Kranz besonders interessant: "Hier können wir vor allem kulturelle Bildungsarbeit leisten, die in der heutigen Zeit essentiell ist."
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Sein Ziel ist es, Geschichte an einem authentischen Ort erlebbar zu machen - besonders für junge Menschen. Dabei geht es ihm nicht um trockene Faktenvermittlung, sondern um das Spüren und Erleben von Geschichte. Die Parallelen zur Gegenwart sind ihm dabei wichtig: Von der monopolistischen Nachrichtenvermittlung der DDR-Zeit bis zur heutigen Informationsflut im digitalen Zeitalter lassen sich spannende Bögen spannen.
Unternehmerischer Geist trifft kulturelle Mission
Was Martin Kranz auszeichnet, ist die seltene Kombination aus kreativem und wirtschaftlichem Denken. "Ich kann auf der einen Seite Programm, also kreativ arbeiten und mir Programm entwickeln, und auf der anderen Seite bin ich kaufmännisch", erklärt er. Diese Doppelbegabung hat ihm schon bei früheren Projekten wie dem Köstritzer Spiegelzelt Festival oder den ACHAVA-Festspielen geholfen.
Sein Führungsstil ist dabei von Vertrauen und Verantwortungsübernahme geprägt: "Ich bin der, der vorne steht. Ich mache das. Und ihr seid die, die im besten Fall - und das ist eine motivatorische Kraft, die ich versuche zu entwickeln - ich gebe euch ganz viel Freiheit." Diese Philosophie zahlt sich aus: In nur fünf Tagen gelang es seinem Team, die Sendehalle für erste Veranstaltungen zugänglich zu machen.
Ostdeutsche Perspektiven und Chancen
Als gebürtiger Weimarer hat Kranz eine klare Haltung zur Rolle Ostdeutschlands: "Der Osten könnte eher der Motor sein für Transformation. Wir sind eher der Vorreiter dessen, was in Deutschland generell passieren wird." Er sieht in der ostdeutschen Erfahrung des Umbruchs eine besondere Stärke: "Wir haben diesen Bruch schon mal erlebt. Wir haben uns schon mal neu erfunden."
Diese Perspektive möchte er auch in der Sendehalle einbringen. Der Ort soll ein Platz werden, "wo die Menschen, die bereit sind, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ernsthaft zu reden, aber auch zu streiten" zusammenkommen können. Dabei setzt er auf eine Kombination aus Kunst, Gespräch und Kulinarik - ein ganzheitlicher Ansatz, der Menschen zusammenbringen soll.
Ausblick und Herausforderungen
Die nächsten drei Jahre werden entscheidend sein für die Entwicklung der Sendehalle. Während der Sanierungsarbeiten plant Kranz bereits temporäre Bauten im Garten, um den Prozess für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Seine Vision ist es, einen offenen, ehrlichen Begegnungsort zu schaffen, der besonders auch junge Menschen anspricht.
Dabei geht es ihm nicht um "den erhobenen pädagogischen Zeigefinger", sondern um echten Dialog und Austausch. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung könnte ein solcher Ort wichtiger denn je sein.
Fazit: Mut zum Aufbruch
Martin Kranz' Projekt der Sendehalle steht beispielhaft für einen unternehmerischen Ansatz, der wirtschaftliches Denken mit kultureller und gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Sein Mut, sich großen Herausforderungen zu stellen, und seine Fähigkeit, Menschen für seine Visionen zu begeistern, machen ihn zu einem inspirierenden Beispiel für moderne Kulturunternehmer.
"Wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen. Es gilt nicht, den Kopf in Sand zu stecken", sagt Kranz. In einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen könnte die Sendehalle zu einem Modell werden, wie historische Orte neu belebt und für aktuelle gesellschaftliche Debatten nutzbar gemacht werden können. Die ersten erfolgreichen Veranstaltungen zeigen bereits: Die Vision beginnt Realität zu werden.